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Interview mit Mentorin Julia

Interview Engagement-Bereich Mentoring

Julia erzählt uns von ihrem Engagement als Mentorin. Sie betreut seit September 2019 im Rahmen des Mentoring-Programms der Lichterkette e.V. einen jungen Geflüchteten in München. Sie begleitet ihn bei unterschiedlichen Themen, wie z.B. einen Ausbildungsplatz finden, Wohnungssuche, Lernmöglichkeiten – und steht ihm dabei mit Rat und Tat zur Seite.

Julia, was war deine Motivation, dich ehrenamtlich zu engagieren?

Ich wollte parallel zu meinem Job noch etwas anderes, etwas Sinnstiftendes. Ich habe mir überlegt: Was kann ich? Was erfüllt mich? Mit welchen Menschen geh ich gerne um? Wo kann ich unterstützen? Aber mir war es auch wichtig, etwas für mich selbst zu machen. Als Ergänzung zu meinem klassischen privatwirtschaftlichen Arbeitsalltag. Ich glaube, ein ganz klassischer Zugang zum Ehrenamt.

Wieso ist die Wahl nach der Beratung bei TATENDRANG auf das Mentoring-Angebot von der Lichterkette gefallen?

Ich habe unterschiedliche Vorschläge bekommen, die alle in die Richtung Interkulturelles gingen bzw. Arbeit mit sozial benachteiligten Jugendlichen. Die Lichterkette hat mich am meisten angesprochen, weil es ein kleineres Projekt ist, mit einem niedrigschwelligen Einstieg für mich, da ich schon ganz viel interkulturell und in den Bereichen Interkulturelle Kommunikation und Geflüchtete gearbeitet habe.

Ich habe mich auch auf Empfehlung meiner Beraterin mit mehreren Organisationen in Verbindung gesetzt – aber mit der Ansprechperson bei der Lichterkette hat es gleich gefunkt. Wir waren uns sofort sehr sympathisch.

Erst wollte ich zu dem Programm „Pro Ausbildung“, dort gab es aber kein Bedarf zu dem Zeitpunkt. Aber ich war offen für andere Vorschläge, denn ich wollte einfach unterstützen. Deshalb bin ich dann zu dem neuen Mentoring-Programm gestoßen. Und dann wurde mir auch direkt mein Mentee zugewiesen.

Wie läuft die Patenschaft ab?  

Ich habe keine Vorgaben des Vereines. Ich bin da sehr offen reingegangen. Unser erster Kontakt war persönlich draußen zu einem Spaziergang. Mir war es sehr wichtig, dass wir uns anfangs persönlich getroffen haben. Damit wir uns gegenseitig kennenlernen. Zu verstehen, was sein Bedarf ist, wo er als junger Mann steht, wie seine Situation ist. Und damit ich mich vorstellen kann: Was mache ich, wie wird unser Mentoring aussehen, wie wollen wir kommunizieren, wie und wann kann er mich erreichen.

Ich bin vor allem beratend für meinen Mentee da: Bei Fragen zu alltäglichen Dingen in seinem Leben (z.B. den Auszug aus der Gemeinschaftsunterkunft, Vorbereitungen für Behördengänge). Und natürlich bin ich auch dafür da, ihn zu motivieren oder auch mal einen „Realitäts-Check“ zu machen. Momentan sind wir mehr virtuell im Kontakt – zum einen wegen Corona aber auch, weil wir beide berufstätig sind. Wir chatten bei akuten Anliegen, telefonieren und treffen uns alle zwei Wochen zu einem Spaziergang.

Was macht ihr beiden gemeinsam? Bzw. was könntest du dir als gemeinsame Aktivitäten vorstellen, wenn es Corona wieder zulässt?

Wir würden gerne mal ein Picknick zusammen machen: Ich liebe die afghanische Küche, er kommt aus Afghanistan, das wäre etwas, was wir gut zusammen machen könnten.

Aber ich habe solche gemeinsamen Aktivitäten nicht erwartet. Ich bin von Anfang an davon ausgegangen, ihn bei Alltagsfragen zu begleiten. Und auch von Seiten meines Mentees bestehen da keine anderen Erwartungen. Das Persönliche ergibt sich durch das, was man miteinander erarbeitet und sich zusammen entwickelt.

Wie war die Situation des Jugendlichen vorher?

Mein Mentee ist schon recht gut integriert. Er spricht einigermaßen gut Deutsch, er hat einen guten Freundeskreis, der hauptsächlich aus anderen Geflüchteten besteht, einen guten Arbeitgeber und nette Kollegen. Aber es ist schon sehr wichtig für ihn, einen Ankerpunkt zu haben und zu merken, wo er Unterstützung finden kann. Zunächst ist der Verein ein Ankerpunkt. Und ich als Mentorin bin da und kann ihn ganz individuell begleitet ohne, dass wir den klassischen Vorgang durchlaufen müssen. Das Mentoring bietet ihm einen leichten Zugang, um einfach mal darüber zu sprechen: Was beschäftigt mich gerade? Wo stehe ich?

Was bringt ihm das Mentoring? 

Ich glaube, dass es hauptsächlich die Unterstützung ist und die Motivation zu wissen, dass da jemand ist, der zuhört und der diese Dinge mit ihm bespricht. Er hat schon Kontakt zu seiner Familie in Afghanistan, aber sie ist ja nicht vor Ort. Ich als Mentorin bin einfach eine Stütze, die da ist und die ihm helfen kann, das deutsche System zu verstehen. Häufig wünsche ich mir, dass ich ihm noch besser helfen kann, aber es geht oft auch nicht, weil es Behördenthemen sind, die ich leider nicht vorantreiben kann.

Du bist voll berufstätig: Wie gehst du mit dem Aspekt „Verantwortlichkeit“ und „Verbindlichkeit“ um?

Ich habe mir bewusst das Projekt ausgesucht, dass vom Wochenumfang nicht zu umfangreich ist. Ich empfinde es parallel zur Arbeit nicht als Belastung. Für mich passt das Programm genau. Ich denke es ist wichtig gemeinsam zu klären, wie man zusammen kommuniziert. Also was ist machbar, was nicht. Wann bin ich erreichbar, wann nicht. Es ist wichtig, sich selbst und dem Mentee klarzumachen, was man leisten kann. Mit meiner Berufstätigkeit war z.B. von Anfang an klar, dass ich ihn nicht aktiv bei Behördengängen begleiten kann. Wenn etwas brennt bin ich natürlich trotzdem erreichbar.

Derzeit investiere ich ca. 2 Stunden die Woche. Das Mentorenprogramm, in dem ich bin, ist meiner Meinung nach sehr gut für Berufstätige geeignet, weil es sich so flexibel einteilen lässt.

Wie ist die Zusammenarbeit mit der Organisation? 

Also die Lichterkette bietet einen Stammtisch für Ehrenamtlich aus allen Bereichen, was sehr schön ist. Ich habe einen engen Kontakt zur Ansprechperson des Mentoring-Programms. Wir tauschen uns ca. einmal im Monat, oder bei Bedarf, über meinen Mentee aus.

Insgesamt ist es meiner Meinung wahnsinnig wichtig, an eine Organisation angebunden zu sein und dort als Mentor:in an die Hand genommen zu werden, z.B. beim Thema Abgrenzung oder auch für fachliche Fragen.

Und zu Letzt: Von deiner Motivation haben wir schon gehört: Ist es dann tatsächlich so gekommen? Was gibt dir dein Engagement als Mentorin?

Definitiv! Es macht mir sehr viel Spaß. Es gibt mir, wie erhofft, etwas zurück. Manchmal ist es ehrlich gesagt auch anstrengender als gedacht. Der Fall erscheint mir schon recht schwierig und ich würde meinem Mentee gerne mehr helfen. Und ja: manche Dinge lassen sich schnell umsetzen, manche sind wahnsinnig langwierig und frustrierend. Aber insgesamt gibt es mir viel zurück, zu wissen, dass man etwas machen kann und zu sehen, wie sich mein Mentee freut, wenn wir wieder ein Stück weitergekommen sind. Es ist parallel zur Arbeit, auch wenn ich schon interkulturell gearbeitet habe, eine sehr nahbare Erfahrung. Dieses direkte Arbeiten mit einem Menschen ist schon sehr besonders.

Die Zeit bisher hat mir auch nochmal gezeigt, wie wahnsinnig wichtig es ist, dass Freiwillige in diesem Bereich tätig sind!